Der übermäßige Quintsextakkord

von Ulrich Kaiser


Deutungen

Akkordverbindungen mit großem Wiedererkennungswert entstehen durch den sogenannten übermäßigen Quintsextakkord (Beispiel), oft in Verbindung mit einer nachfolgenden Dominante. Ein sehr bekanntes Beispiel für diese Wendung findet sich bei Beethoven im zweiten Satz seiner berühmten 5. Sinfonie (beim Berühren der Abbildung rot markiert):

Im Folgenden sehen Sie die Wendung aus der Sinfonie Beethovens als einfachen vierstimmigen Satz (erstes Beispiel). Im zweiten Beispiel ist der übermäßige Quintsextakkord Signal für einen Halbschluss (in C-Dur):

Abbildung Kadenzen mit dem übermäßigen Quintsextakkord

Die Auflösung des übermäßigen Sext- oder Quintsextakkordes im Rahmen einer Ganz- oder Halbschlusskadenz wirkt so zwingend, weil sich zwei Leittöne auflösen: Im Beispiel oben das fis (Alt) zum g und das as (Bass) zum g. Dagegen würde sowohl bei der Auflösung einer Doppeldominante zur Dominante als auch einer Subdominante zur Dominante jeweils nur ein Leitton (fis bzw. as) erklingen.
Für die Benennung des Akkordes gibt es verschiedene Möglichkeiten, die sich anhand von Beispielen aus der Literatur veranschaulichen lassen.

  • Der Akkord wird als Doppeldominante interpretiert, mit Septime und kleiner None sowie einer tiefalterierten Quinte im Bass. Diese Herleitung lässt sich durch Beispiele stützen, in denen erst der Terzquartakkord der Doppeldominante erklingt und anschließend die Klangverschärfung durch Tiefalterierung des Quinttons im Bass eintritt. Eine solche Wendung findet sich beispielsweise in der Einleitung der Schöpfung von Joseph Haydn kurz vor dem Beginn der Reprise:
Abbildung Kadenzen mit dem übermäßigen Quintsextakkord
  • Insbesondere der übermäßige Sextakkord (mit fehlender Quinte) wird häufig als alterierte phrygische Wendung aufgefasst. In diesem Fall wäre die Chromatisierung fis als Verfärbung des Grundtons eines f-Moll-Klangs zu interpretieren. Als problematisch könnte dabei angesehen werden, dass Hugo Riemann (Begründer der Funktionstheorie) der Auffassung war, man könne alle Töne eines Akkordes alterieren (chromatisieren), ohne dass die Funktion verloren gehen würde. Nur ein Ton − so Riemann − sei davon ausgenommen: Der Grundton.
Abbildung Die alterierte phrygische Wendung

Ungeachtet dieser kleinen theoriegeschichtlichen Problematik gibt es jedoch zahlreiche Literaturbeispiele, die eindeutig dafür sprechen, dass ein chromatischer Durchgang in der phrygischen Wendung zum Entstehen des übermäßigen Quintsextakkords geführt hat. Das folgende Beispiel zeigt in der g-Moll-Fuge BWV 861 aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers den wichtigen Halbschluss vor der Engführung des Themas nach einem wunderschön ausgearbeiteten Parallelismus-Sequenzmodell. Hier erklingt auf einem Achtel der übermäßige Sextakkord (beim Berühren der Abbildung rot markiert), der durch einen chromatischen Durchgang aus der phrygischen Wendung entsteht:

Das Problem lässt sich umgehen, wenn auf eine funktionstheoretische Deutung verzichtet und der Akkord einfach nur nach seinem Generalbassaufbau benannt wird: übermäßiger Sext- bzw. Quintsextakkord. In der Gehörbildung (1998) von Ulrich Kaiser werden alle subdominantischen und doppeldominantischen Klänge vor einer Dominante einer Kadenz − und damit auch der übermäßige Quintsextakkord − als Signalakkorde bezeichnet. In Anlehnung an amerikanische Lehrbücher ist es auch gebräuchlich, subdominantische und doppeldominantische Klänge vor der Dominante einer Kadenz auch als predominants zu bezeichnen.

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Hilfe zum Errechnen des übermäßigen Quintsextakkordes ( Ü56)

Spielen Sie zuerst übermäßige Quintsextakkorde auf dem Klavier. Um einen sehr häufig anzutreffenden Fehler zu vermeiden, empfehlen wir Ihnen, den übermäßigen Quintsextakkord sich nicht einfach als Dominantseptakkord vorzustellen (obwohl er sich auf den Klaviertasten so anfühlt). Fehler vermeiden helfen die folgenden Denkschritte:

Abbildung Bach, Fuge in g-Moll

Bei der Auflösung können Sie den Denkweg rückwärts spielen, also:

Abbildung Bach, Fuge in g-Moll

Zusammenfassung (Denkweg in Worten)
  • Von einer Tonika aus den Dominantton errechnen (z.B. von F-Dur = c)
  • Vom Dominantton aus kleine Sekunden auf- und abwärts rechnen (von c = des und h, Achtung: nicht cis oder ces, weil das keine kleinen Sekunden, sondern chromatisch verfärbte Primen zu c wären)
  • Vom Halbton oberhalb der Dominante aus den Durdreiklang bilden (von des = des-f-as und übermäßige Sexte h hinzufügen)

Der übermäßige Quintsextakkord lautet für das Beispiel: des-f-as-h, der übermäßige Sextakkord des-f-h (die Quinte as zu des fehlt). Beide Akkorde lösen sich – quasi rückwärts – wieder zur Dominante (im Beispiel C-Dur) und ggf. zur Tonika (im Beispiel F-Dur) auf.

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Signal für einen Halbschluss

Sehr charakteristisch ist in Sonaten der übermäßige Sextakkord als Signal für den Halbschluss in der Nebentonart, wie es sehr schön in der Klavier-Violinsonate KV 15 in B-Dur von Wolfgang Amadé Mozart zu sehen ist. Das folgende Beispiel zeigt den harmonischen Weg zur Nebentonart F-Dur, der übermäßige Quintsextakkord (beim Berühren der Abbildung rot markiert) signalisiert das Erreichen des Halbschlusses in F-Dur:

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Umkehrungen

Übermäßige Sextklänge dürften bereits im 16. Jahrhundert häufig gesungen worden sein. allerdings nur in der bisher beschriebenen Klanglage der Töne, in der die phrygische Sekunde in der Unterstimme liegt. Fasst man den übermäßigen Quintsextakkord als Terzenschichtung bzw. als Akkord auf, lassen sich auch Klanglagen denken.

übermäßiger Quintsextakkord

Ein sehr frühes Beispiel für den übermäßigen Quintsextklang in einer seltenen Lage (b) bzw. Grundstellung findet sich am atemberaubenden Schluss des Crucifixus der h-Moll-Messe BWV 232 von Johann Sebastian Bach:

drei verminderte Septakkorde über h, c und cis drei verminderte Septakkorde über h, c und cis

Auch andere Klanggestalten des übermäßigen Quintsextakkords kommen vor, sind allerdings verhältnismäßig selten anzutreffen.

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Verwendungsmöglichkeiten anhand eines Beispiels von Brahms

In der Vertonungen der ersten beiden Strophen des Gedichts »Im Herbst« (von Klaus Groth) verwendet Johannes Brahms den übermäßige Quintsextakkord in der die Strophenvertonung abschließenden Kadenz. Der Akkord erklingt hier zuerst in einer seltenen Akkordlage, nach der ausdrucksstarken Generalpause dann in der bekannten Form. Dem übermäßigen Quintsextakkord folgt an dieser Stelle ganz regulär ein Vorhaltsquartsextakkord der Dominante mit Auflösung sowie einem Schlussklang, der terzlos ist und sehr archaisch klingt (wenn Sie die Abbildung berühren, sind beiden Formen des übermäßigen Quintsextakkords farbig markiert):

Der übermäßige Quintsextakkord in der seltenen Lage ist in der Komposition schon einmal erklungen, uns zwar gleich am Anfang der ersten und zweiten Strophenvertonung. Diese beginnen nämlich nicht in der Grundtonart c-Moll, sondern mit einem As-Dur-Dreiklang. Der übermäßige Quintsextakkord, der nach As-Dur und Es-Dur auch als Dominantseptakkord nach Des-Dur hätte führen können (als Zwischendominante zur Subdominante, wobei das fis dann als ges hätte notiert werden müssen), wendet den Satz überraschend nach c-Moll, wobei der Bassschritt c-g wie eine plagale Wendung klingt:

Nur wenige Takte später zum Beginn der zweiten Phrase erklingt wieder der Klang, den man anfangs als übermäßigen Quintsextakkord kennengelernt hat. Nun allerdings notiert Brahms in mit des, folgerichtig führt der Klang dieses Mal als Dominantseptakkord (as-c-es-ges) nach Des-Dur:

Der zweite Teil der Strophe beginnt wie der Anfang und der dritte Klang dieses zweiten Teils ist wieder der Klang, den Sie anfangs als übermäßigen Quintsextakkord sowie als Dominantseptakkord gehört haben. Beim dritten Mal notiert Brahms wieder fis und der übermäßige Sextakkord führt als ein Sixte ajoutée (subdominantischer Quintsextakkord mit plagaler Auflösung) nach Es-Dur:

Durch den immer wieder überraschenden Wechsel von Dur nach Moll und Moll nach Dur, das getragene Tempo und den Text wirkt der Chorsatz bedrückend und trübsinnig. Wie eine Erlösung wirkt da der Durchbruch nach C-Dur zum Beginn der dritten Strophe (beim Berühren der Abbildung blau markiert).

Und im zweiten Abschnitt der dritten Strophe findet Brahms eine weitere Steigerung, die den Text auf unnachahmliche Weise interpretiert. Hier erklingt der übermäßige Quintsextakkord gleich dreimal hintereinander in einer sekundweise ansteigenden Sequenz aufwärts (beim Berühren der Abbildung oben gelb markiert). Brahms vertont hier das Ahnen des Menschen durch eine anwachsende Spannung. Und am höchsten Punkt zerfällt der Chorsatz (im wörtlichen Sinne: die Außenstimmen verlaufen in Oktavparallelen) in dem Moment, wo eine Parallele gezogen wird zwischen dem Jahresschluss und dem Schluss des Lebens. Hören Sie sich abschließend den ganzen Chorsatz »Im Herbst« von Johannes Brahms an und achten Sie zum Einen auf die verschiedenen Verwendungsweisen des übermäßigen Quintsextakkords/Dominantseptakkords, zum Anderen auf den Ausdruck und die Textausdeutung.

Im Herbst - Partitur

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Literatur (zu Brahms)

  • Ulrich Kaiser, »Fünf Gesänge für Chor a capella Op. 104«, in: Johannes Brahms. Interpretationen seiner Werke, 2 Bde., hrsg. von Claus Bockmaier und Siegfried Mauser, Laaber 2013.