Der übermäßige Quintsextakkord in Theorie und Praxis

von Ulrich Kaiser

Akkordverbindungen mit großem Wiedererkennungswert entstehen durch den sogenannten übermäßigen Quintsextakkord (Beispiel), oft in Verbindung mit einer nachfolgenden Dominante. Ein sehr bekanntes Beispiel für diese Wendung findet sich bei Beethoven im zweiten Satz seiner berühmten 5. Sinfonie:

Abbildung Beethoven 5. Sinfonie, 2. Satz

Copyright Info: New York Philharmonic Orchestra, Ltg: Victor De Sabata, Live-Aufzeichnung in New York, 19. März 1950, Edizione LiberMusica, Lizenz: CC By-NC-SA 2.5

Im Folgenden sehen Sie die Wendung aus der Sinfonie Beethovens als einfachen vierstimmigen Satz (erstes Beispiel). Im zweiten Beispiel ist der übermäßige Quintsextakkord Signal für einen Halbschluss in C-Dur:

Abbildung Kadenzen mit dem übermäßigen Quintsextakkord

Die Auflösung des übermäßigen Sext- oder Quintsextakkordes im Rahmen einer Ganz- oder Halbschlusskadenz wirkt so zwingend, weil sich zwei Leittöne auflösen: Im Beispiel oben das fis (Alt) zum g und das as (Bass) zum g. Dagegen würde sowohl bei der Auflösung einer Doppeldominante zur Dominante als auch einer Subdominante zur Dominante jeweils nur ein Leitton (fis bzw. as) erklingen.
Für die Benennung des Akkordes gibt es verschiedene Möglichkeiten, die sich auch mit unterschiedlichen Beispielen aus der Literatur plausibel machen lassen.

  • Der Akkord wird als Doppeldominante interpretiert, mit Septime und kleiner None sowie einer tiefalterierten Quinte im Bass. Diese Herleitung lässt sich durch Beispiele stützen, in denen erst der Terzquartakkord der Dominante erklingt und anschließend die Klangverschärfung durch Tiefalterierung des Quinttons im Bass eintritt. Eine solche Wendung findet sich beispielsweise in der Einleitung der Schöpfung von Joseph Haydn kurz vor dem Beginn der Reprise:

Abbildung Kadenzen mit dem übermäßigen Quintsextakkord

Copyright Info: Berliner Philharmoniker, Ltg: Igor Markevitch, Deutsche Grammophon 1958, Edizione LiberMusica, Lizenz: CC By-NC-SA 2.5

  • Insbesondere der übermäßige Sextakkord (mit fehlender Quinte) wird häufig als alterierte phrygische Wendung bezeichnet. In diesem Fall wäre aus Sicht der Funktionstheorie die Chromatisierung als Verfärbung des Grundtons zu interpretieren. Als problematisch könnte dabei angesehen werden, dass Hugo Riemann, der Begründer der Funktionstheorie, der Auffassung war, man könne alle Töne eines Akkordes alterieren (chromatisieren), ohne dass die Funktion verloren gehen müsse. Nur ein Ton − so Riemann − sei davon ausgenommen: Der Grundton.

Abbildung Die alterierte phrygische Wendung

Ungeachtet dieser kleinen theoriegeschichtlichen Problematik gibt es jedoch zahlreiche Literaturbeispiele, die eindeutig dafür sprechen, dass ein chromatischer Durchgang in der phrygischen Wendung zum Entstehen des übermäßigen Quintsextakkords geführt hat. Das folgende Beispiel zeigt in der g-Moll-Fuge BWV 861 aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers den wichtigen Halbschluss vor der Engführung des Themas nach einem wunderschön ausgearbeiteten Parallelismus-Sequenzmodell:

Abbildung Bach, Fuge in g-Moll

  • In der Gehörbildung (1998) von Ulrich Kaiser werden alle subdominantischen und doppeldominantischen Klänge vor einer Dominante einer Kadenz − und damit auch der übermäßige Quintsextakkord − als Signalakkorde bezeichnet.

Studieren Sie die möglichen Signalakkorde einer Kadenz: Abbildung Beethoven 5. Sinfonie, 2. Satz Abbildung Beethoven 5. Sinfonie, 2. Satz

Abbildungen aus: Ulrich Kaiser, Gehörbildung. Satzlehre, Improvisation, Höranalyse. Ein Lehrgang mit historischen Beispielen, Grundkurs (= Bärenreiter Studienbücher Musik 10), mit Audio-CD, Kassel 1998, I, S. 201–209; ders.: Gehörbildung. Satzlehre, Improvisation, Höranalyse. Ein Lehrgang mit historischen Beispielen, Aufbaukurs (= Bärenreiter Studienbücher Musik 11), mit einem Formkapitel von H. Fladt und einer Audio-CD, Kassel 1998, II, S. 367–383.

  • In Anlehnung an amerikanische Lehrbücher werden alle subdominantischen und doppeldominantischen Klänge vor einer Dominante einer Kadenz − und damit auch der übermäßige Quintsextakkord − als Predominants bezeichnet.

Hilfe zum Errechnen des übermäßigen Quintsextakkordes ( Ü56 )

Spielen Sie zuerst übermäßige Quintsextakkorde auf dem Klavier. Um einen sehr häufig anzutreffenden Fehler zu vermeiden, empfehlen wir Ihnen, den übermäßigen Quintsextakkord sich nicht einfach als Dominantseptakkord vorzustellen (obwohl er sich auf den Klaviertasten so anfühlt). Fehler vermeiden helfen die folgenden Denkschritte:

Abbildung Bach, Fuge in g-Moll

Bei der Auflösung können Sie den Denkweg rückwärts spielen, also:

Abbildung Bach, Fuge in g-Moll

Zusammenfassung (Denkweg in Worten)
  • Von einer Tonika aus den Dominantton errechnen (z.B. von F-Dur = c)
  • Vom Dominantton aus kleine Sekunden auf- und abwärts rechnen (von c = des und h, Achtung: nicht cis oder ces, weil das keine kleinen Sekunden, sondern chromatisch verfärbte Primen zu c wären)
  • Vom Halbton oberhalb der Dominante aus den Durdreiklang bilden (von des = des-f-as und übermäßige Sexte h hinzufügen)

Der übermäßige Quintsextakkord lautet für das Beispiel: des-f-as-h, der übermäßige Sextakkord des-f-h (die Quinte as zu des fehlt). Beide Akkorde lösen sich – quasi rückwärts – wieder zur Dominante (im Beispiel C-Dur) und ggf. zur Tonika (im Beispiel F-Dur) auf.
Sehr charakteristisch ist in Sonaten der übermäßige Sextakkord als Signal für den Halbschluss in der Nebentonart, wie es sehr schön in der Klavier-Violinsonate KV 15 in B-Dur von Wolfgang Amadé Mozart zu sehen ist. Das folgende Beispiel zeigt den harmonischen Weg zur Nebentonart F-Dur, der übermäßige Quintsextakkord (s. Kasten) signalisiert das Erreichen des Halbschlusses in F-Dur:

Abbildung Mozart KV 15