Sekunden

von Ulrich Kaiser

Sekunden gelten heute als dissonanten Intervalle, obgleich einige pythargoräische Musiktheoretiker die große Sekunde aufgrund der relativ einfachen Zahlenproprtion ursprünglich zu den consonantiae zählten. Aus musikpraktischer Sicht ist es jedoch wenig hilfreich, Intervalle als dissonant zu bezeichnen, da satztechnisch nicht ein Intervall, sondern nur eine Stimme dissoniert (Die sogenannte Patiens-Stimme von lat. pati = leidern, erdulden). Dieser Umstand wird daraus ersichtlich, dass nur diese Stimme den Regeln den Vorbereitung und Auflösung unterlag. Aus historischer Sicht konnte ein Sekundintervall regulär über einen Aufwärts- und Abwärtsschritt aufgelöst werden. Beide Arten der Auflösung lassen sich über eine Bewegung paralleler Terzen vorstellen, in der eine Stimme verzögert voranschreitet:

Notenbeispiel Sext-Terz-Wendungen

Notenbeispiel Sext-Terz-Wendungen

Während die Abwärtsbewegung als Standardauflösung für einen Vorhalt galt, bezeichnete Christoph Bernhard die Dissonanzbildung mit Aufwärtsauflösung als Mora. Diese Wendung dürfte im 17. Jahrhundert von besonderem Ausdruck gewesen sein.

In melodischer Hinsicht dürfte die Sekundbewegung in modaler und tonaler Musik die häufigste Bewegung überhaupt sein. Für die Verbindung von Sekundschritten und Sprüngen werden für kontrapunktisches Komponieren Regeln gegeben, die ein ästhetisch gelungenes Ergebnis gewährleisten sollen. Demnach gilt eine Melodie dann als gelungen, wenn ihre Kurve wie ein Ballwurf verläuft. Ins Musikalische übersetzt besagt diese Regel, dass ein Melodieverlauf, der von unten nach oben und wieder abwärts führt, dann gelungen ist, wenn er unten größere und oben kleinere Intervalle aufweist:

ballistischer Meldoieverlauf

Dieses ästhetische Empfinden lässt sich noch in Quellen des 18. Jahrhunderts nachweisen. Das folgende Beispiel entsammt einer Publikation aus dem Jahre 1768 von Joseph Riepel (Anfangsgründe zur musikalischen Setzkunst):

Bsp. Joseph Riepel zum Melodieverlauf

In komponierten Stücken des 15. bis 18. Jahrhunderts finden sich jedoch viele Beispiele, die nicht im Einklang mit dieser Regel stehen. Komponisten dürften daher das Urteil, ob eine Fortschreitung ›gut‹ oder ›schlecht‹ klingt, über den individuellen Kontext und nicht über starre Regeln gefällt haben.