Die Quintfallsequenz in der Zweistimmigkeit

von Ulrich Kaiser

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Das Fundament bzw. der Grundton eines als Akkord aufgefassten Klanges ist nur im Falle einer Grundstellung mit dem Basston identisch, bei Umkehrung differieren Fundament- und Bassnote. Die letzten drei Akkorde des folgenden Beispiels haben z.B. das Fundament ›d‹, als Basston erklingt jedoch ein ›f‹ (= Sextakkord):

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 1

Für einen zweistimmigen Satz im Sinne des 18. Jahrhunderts sind imperfekte Konsonanzen (Terzen und Sexten) von besonderer Bedeutung. Ein d-Moll-Klang kann dabei durch eine Terz zwischen Grund- und Terzton, durch eine Sexte zwischen Terz- und Grundton und in bestimmten Kontexten sogar auch durch eine Terz zwischen Terz- und Quintton ausgedrückt werden:

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 2

Eine Quintfallsequenz ist ein Satzmodell, dass sich zur Beschreibung komponierter Musik anbietet, wenn eine sekundweise abwärtsführende Sequenz als Folge von Akkorden aufgefasst wird, deren Fundamente in Quinten fallen. Dass nächste Notenbeispiel zeigt den Bass einer Quintfallsequenz mit Grundakkorden (Bass- und Fundamentstimme sind identisch):

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 3

Soll nun zu diesem Beispiel eine für das 18. Jahrhundert typische Oberstimme ausgearbeitet werden, so müssen auf den schweren Taktzeiten imperfekte Konsonanzen erklingen. Das nächste Beispiel zeigt einen Gerüstsatz mit Gegenbewegung der Stimmen, wobei sich auf den Takteinsen ausschließlich Terzen finden. In Moll ist dabei ein #-Vorzeichen für die Dominante der Zieltonart (hier: d-Moll) zu beachten:

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 4

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, das Gerüst der Oberstimme figurativ auszuarbeiten bzw. zu diminuieren (von lat. diminuere = zerkleinern, zerteilen), wobei nicht in jedem Fall der für eine Quintfallsequenz des 18. Jahrhunderts charakteristische Höreindruck entsteht. Er verdankt sich letztendlich dem Umstand, dass wir beim Hören Ähnliches als zusammengehörig empfinden. Nur für den Fall also, dass wir eine Zusammengehörigkeit der sekundweise fallenden Harmonien erkennen können, klingt eine Quintfallsequenz ›echt‹ bzw. wie eine Sequenz zum Beispiel aus dem Werk Johann Sebastian Bachs. Die nächste Abbildung zeigt eine motivische Ausarbeitung, in der sich jeweils zwei Motive abwechseln (a-b-a'-b' = motivischer Parallelismus) und bei der die Ähnlichkeit der Motive im ersten und dritten Takt (a-a') den Eindruck der Zusammengehörigkeit sowie einer fallenden Sekundbewegung (d-C) bewirken:

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 5

Aufgabe 1

Führen Sie den folgenden Beginn bis zur Tonika d-Moll weiter und schließen Sie mit einer Kadenz. Sollte Ihnen keine Kadenz einfallen, ›borgen‹ Sie sich einfach eine Schlusswendung (z.B. aus einer Invention Bachs) und passen Sie diese dem Takt und der Tonart der Vorgabe an.

Quintfallsequenz - Aufgabe 1 (Anfang)

Quintfallsequenz - Aufgabe 1 (Fortsetzung)

Für die Ausarbeitung oben wurden im Gerüstsatz Terzen in Gegenbewegung gewählt. Genauso gut sind aber auch Terzen in beständiger Parallelbewegung auf den Takteinsen möglich:

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 6

Die nachstehende motivische Ausarbeitung berücksichtigt wieder den motivischen Parallelismus bzw. eine motivische Entsprechung des jeweils ersten und dritten sowie zweiten und vierten Taktes usw.:

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 7

Aufgabe 2

Führen Sie auch den folgenden Beginn bis zur Tonika d-Moll weiter und schließen Sie wiederum mit einer Kadenz. Verwenden Sie dabei bitte eine andere Kadenz als in der vorangegangenen Übung (Aufgabe 1).

Quintfallsequenz - Aufgabe 2 (Anfang)

Quintfallsequenz - Aufgabe 2 (Fortsetzung)

Wird im Gerüstsatz das Intervall der Sexte berücksichtigt, indem zum Beispiel in jedem zweiten Takt Grund- und Terzton der Harmonien vertauscht werden, ergibt sich der folgende Satz:

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 8

Eine Ausarbeitung unter Berücksichtigung der bisher besprochenen Aspekte könnte dabei wie folgt klingen:

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 9

Aufgabe 3

Vervollständigen Sie auch die letzte Vorgabe zu einer Quintfallsequenz, die in der Tonika d-Moll endet. Verwenden Sie zum Abschluss eine Kadenz, die sich von den Kadenzen der vorangegangenen Übungen unterscheidet (Aufgabe 1−2).

Quintfallsequenz - Aufgabe 3 (Anfang)

Quintfallsequenz - Aufgabe 3 (Fortsetzung)

Für das nächste Beispiel ist der Gerüstsatz diminuiert worden, indem zuerst auf den Takteinsen Terzen zwischen Grund- und Terzton der jeweiligen Harmonie, anschließend auf der Zählzeit drei jedoch Terzen zwischen Terz- und Quinttönen erklingen. Interessant ist zum Beispiel, dass wir dabei die Terz f-a durch die vorausgehende Terz d-f nicht als F-Dur, sondern als d-Moll wahrnehmen:

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 10

Für die motivische Gestaltung brauchen wir uns dieses Mal nichts zu überlegen, da für diesen Gerüstsatz bereits eine sehr kunstvolle Ausarbeitung von Johann Sebastian Bach existiert. Sie erklingt in der Invention in d-Moll BWV 775 gleich nach dem Thema (Takte 7−14). Zu dem oben abgebildeten Gerüstsatz lässt sich dieses Beispiel leicht in Beziehung setzen, wenn die mit dem ›x‹ bezeichneten Töne als relativ betonte Durchgangsdissonanzen zu der jeweils folgenden Gerüstsatznote betrachtet werden:

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 11a

Quintfallsequenz - Notenbeispiel 11b

Abschließend finden Sie den vollständigen Notentext der Invention in d-Moll BWV 775 sowie einige Arbeitsaufgaben zur Analyse als Übung:

Aufgabe 4

  • Analysieren Sie die Invention in d-Moll BWV 775 und benennen Sie die Takte, in denen Quintfallsequenzen erklingen.
  • Notieren Sie Gerüstsätze für die noch nicht besprochenen Quintfallsequenzen und arbeiten Sie anschließend für diese Gerüstsätze eigene Diminutionen aus.
  • Erstellen Sie einen Tonartenplan, indem Sie alle Tonarten des Stücks benennen, in denen eine Kadenz stattfindet.
  • Modulieren Sie mit Hilfe einer Quintfallsequenz (in verwandte Tonarten). Führen Sie hierzu die Vorzeichen der Zieltonart bereits in der Sequenz ein und festigen Sie die erreichte Tonart durch eine Kadenz.

Quintfallsequenz - Aufgabe 4


Literatur:

  • Ulrich Kaiser, Gehörbildung. Satzlehre, Improvisation, Höranalyse. Ein Lehrgang mit historischen Beispielen, 2 Bde., Kassel 1998, S. 171−176 (Grundkurs) und S. 328−337 (Aufbaukurs).