Der Quintenzirkel und verwandte Vorstellungen

von Ulrich Kaiser

Gemessen am Konsonanzgrad ist die Quinte das konsonanteste Intervall, mit dem sich verschiedene Tonklassen verbinden lassen (Einklang und Oktave verbinden lediglich Töne der gleichen Tonklasse). Seit den Pythagoreern wurde daher die reine Quinte verwendet, um den Tonraum zu erkären. Für das Berechnen der Vorzeichen einer beliebigen Tonart bzw. zum Ermitteln der Töne einer Tonleiter gibt es verschiedene Vorstellungen, wobei die bekannteste der Quintenzirkel sein dürfte. In diesem Tutorial finden sich Erläuterungen zum Quintenzirkel und zu alternativen Vorstellungen wie Quintenkette, Quintenturm und das Ziffernblatt zur Erklärung der Töne unseres abendländischen Tonsysytems.

Der Quintenzirkel

Die rechte Seite des Quintenzirkels erhält man, wenn man Quinten aufwärts rechnet (c-g-d-a-e-h-fis), die linke Seite, wenn man in Quinten abwärts zählt (c-f-b-es-as-des-ges). Damit sich der Kreis schließt, werden die beiden Töne fis und ges auf einem Punkt lokalisiert (wie auf dem Klavier, auf dem diese beiden Töne mit der gleichen Taste gespielt werden).

Quintenzirkel

Der Quintenzirkel wird häufig lediglich dazu verwendet, um die Anzahl und Art der Vorzeichen einer Tonart besser lernen zu können. In Verbindung mit einigen (dämlich, aber hilfreichen) Sprüchen erfüllt er diese Aufgabe sehr gut. Die Sprüche lauten:

  • Geh' Du Alter Esel Hole Fische (für die Durtonarten mit #-Vorzeichnungen)
  • Frische Brötchen Essen Asse Des Gesangs (für die Durtonarten mit mit b-Vorzeichnungen)
  • ein haifisch cischt gisela diskret an. (für die Molltonarten mit #-Vorzeichnungen)
  • der ganze chor friert beim essen (für die Molltonarten mit b-Vorzeichnungen)

Mit diesen Sprüchen kann man abzählen, wie viele Kreuze eine Tonleitern hat und somit alle Tonleitern bilden. Die beiden Sprüche für Moll sind übrigens entbehrlich, wenn man von der gesuchten Molltonleiter aus eine kleine Terz aufwärts rechnet und die Vorzeichen der parallelen Durtonleiter bestimmt. Nehmen wir zum Beispiel fis-Moll oder A-Dur:

  • Notieren Sie die acht Töne ohne Vorzeichen von fis oder a aus: f, g, a, h, c, d, e, f oder a, h, c, d, e, f, g und a.
  • Zählen Sie die Wörter des ersten Spruchs, bis das Wort mit A anfängt: »Geh' Du Alter«. Die Anzahl der Wörter ergibt die Anzahl der Vorzeichen: A-Dur hat also drei Kreuze (und fis-Moll als parallele Molltonleiter hat dieselben Vorzeichen).
  • Nehmen Sie die Anfangsbuchstaben der Wörter: »Geh' Du Alter« als Töne: g, d und a und bestimmen Sie jeweils den Ton darunter: f (unter g), c (unter d) und g (unter a).
    Tastatur A-Dur Diese Töne (f, c und g) müssen durch ein # erhöht werden, die Vorzeichen von A-Dur (und auch von fis Moll) heißen demnach fis, cis und gis. Notieren Sie abschließend diese Kreuze im Zick-Zack am Anfang des Systems.
Vorzeichen A-Dur

Oder zum Beispiel Es-Dur (oder c-Moll):

  • Notieren Sie die acht Töne ohne Vorzeichen von es c oder aus: e, f, g, a, h, c, d und e (oder c, d, e, f, g, a, h, c).
  • Zählen Sie die Wörter, bis das Wort mit Es anfängt: »Frische Brötchen Essen«. Die Anzahl der Wörter ergibt die Anzahl der Vorzeichen: Es-Dur hat drei b-Vorzeichen (und c-Moll als parallele Molltonleiter hat dieselben Vorzeichen).
  • Zur Bestimmung, welche Vorzeichen Sie benötigen, beginnen Sie den Spruch ein Wort später (also nicht bei »Frische«, sondern bei »Brötchen«) und zählen Sie wiederum drei Wörter ab. Dann ergibt sich: »Brötchen Essen Asse«. Die Anfangsbuchstaben dieser Wörter geben die Vorzeichen an, sie heißen: b, es und as. Notieren Sie die b's abschließend im Zick-Zack (wie unten abgebildet) am Anfang des Systems.
Vorzeichen Es-Dur

Übungen zum Notieren von Tonleitern mit Vorzeichen

Üben Sie das Notieren von Tonleitern mit den richtigen Vorzeichen nach der im vorangegangenen besprochenen Methode:

1. Notieren Sie die h-Moll-Tonleiter:

leeres Notensystem

2. Notieren Sie die b-Moll-Tonleiter:

leeres Notensystem

3. Notieren Sie die Es-Dur-Tonleiter:

leeres Notensystem

4. Notieren Sie die H-Dur-Tonleiter:

leeres Notensystem

5. Notieren Sie die c-Moll-Tonleiter:

leeres Notensystem

6. Notieren Sie die Des-Dur-Tonleiter:

leeres Notensystem

7. Notieren Sie die gis-Moll-Tonleiter:

leeres Notensystem

8. Notieren Sie die D-Dur-Tonleiter:

leeres Notensystem

Die Quintenkette

Töne der weißen Tasten wie zum Beispiel Pentatonik oder die Töne einer C-Dur-Tonleiter kann man sich als einen Ausschnitt aus einer (im Prinzip unendlich langen) Kette aus Quintintervallen vorstellen:

Quintenturm

Mit den Tönen der weißen Tasten lassen sich auch die natürliche Molltonleiter sowie die Kirchentonarten Dorisch, Phrygisch, Lydisch und Mixolydisch bilden. Auch diese Tonleitern können also in eine Quintenkette aufgelöst werden. Die genannten Tonleiter bilden also immer ein Ausschnitt aus der Quintenkette. Der Unterschied zur Quintenzirkel liegt darin, dass die Kette nicht geschlossen wird, sie die Tonleitern mit Kreuzvorzeichnungen auf der unendlich lang gedachten Kette nach links (in den Bereich der b-Vorzeichnungen) oder rechts (in den Bereich der #-Vorzeichnungen) verschieben.

Die Tonleiter A-Dur als Ausschnitt aus der Quintenkette:

Quintenturm

Die Tonleiter D-Dur als Ausschnitt aus der Quintenkette (um eine Quinte nach links verschoben):

Quintenturm

Der Quintenturm

Für die Interpretation harmonischer Wendungen ist die Vorstellung eines Quintenturms oftmals hilfreicher als die Vorstellung einer Kette. Denn mit diesem Bild verbindet sich die Vorstellung einer räumlichen Dimension bzw. einer Höhe (anstelle der Richtung rechts) und Tiefe (anstelle der Richtung links):

Quintenturm

Norbert Jürgen Schneider hat zu der Vorstellung von Höhe und Tiefe in der Musik geschrieben:

Quintschrittev on C abwärts werden als zum ›Dunklen‹, von C aufwarts als zum ›Hellen‹ führend empfunden, − hierin decken sich im Zeitraum von 1600 bis etwa 1900 die Aussagen von Komponisten sowie asthetische Darstellungen (z. B. bei D. Schubart, E. T. A. Hoffmann) mit Aussagen der Musikpsychologie. Die damit implizierte semantische Entsprechung von ›unten‹ mit ›dunkel‹/›negativ‹ bzw. ›oben‹ mit ›hell‹/›positiv‹ gilt in der Psychologie für den abendländischen Rauma als gesichert; die Konnotationsfelder ›Fallen‹, ›Sturz‹, ›Tod‹, ›Schwärze‹ für ›negativ‹ bzw. ›Sonne", ›Aufstieg‹, ›Licht‹ für ›positiv‹ sind nahezu interkulturell gelaufig.

Schneider 1979, S. 127.

In der Kette wäre h ein Ton rechts vom Ton f. Interpretiert man die Kette als Turm, wäre h gegenüber f ein hoher, heller Ton und H-Dur gegenüber F-dur daher eine hohe bzw. helle Tonart. Durch die positiven/negativen Bedeutungsfelder ist es möglich, bestimmte Harmoniefolgen außermusikalisch zu interpretieren, das heißt, sie in Bezug auf menschliche Empfindungen zu bewerten.

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Hier fehlt noch ein Beispiel für ›heller‹ werden: Schütz, Motette "So fahr ich hin"
Hir fehlt noch ein Beispiel für ›dunkler‹ werden: Filmmusik

  • Norbert J. Schneider, »Zeichenprozesse im Quintenzirkelsystem. Ein programmatischer Entwurf zur Semiotik der harmonisch-tonalen Musik«, Archiv für Musikwissenschaft 36 (1979), S. 122–145.