Die phrygische Wendung (Fragetopos)

von Ulrich Kaiser

Der Name ›phrygische Wendung‹ verweist auf die Ganz- und Halbtonverhältnisse des phrygischen Modus. Grundton (Finalis) der untransponierten Skala war der Ton ›e‹, Charakteristika des Phrygischen sind der Leitton über (Subsemitonium modi) sowie der Ganztonschritt unter der Finalis:

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Einstimmige Schlusswendungen wurden nach ihrem idealtypischen Sitz in einer mehstimmigen Kadenz benannt. Die Abbildung unten zeigt die beiden wichtigsten Klauseln einer phrygischen Kadenz, die Sopran- und Tenorklausel:

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Auch im Phrygischen wurden wichige Kadenzen durch Synkopen gekennzeichnet, wobei der Spannungsabfall von der Septime (Sekunde) üder die Sexte (Terz) zur Oktave (zum Einklang) zwischen Sopran- und Tenorklausel als Analogie zur Sprache begriffen worden ist: Als ein Senken der Stimme zum Satzende. Das folgende Notenbeispiel zeigt zweistimmige Schlusswendungen:

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Beim Übergang zur Dur-Moll-Tonalität hat sich die Bedeutung phrygischer Kadenzen gewandelt. Noch im 16. Jahrhundert waren sie auch am Ende von Kompositionen üblich, in den Kantional- und Choralsätzen des 17. und 18. Jahrhunderts lässt sich dagegen beobachten, dasss sie nicht mehr am Schluss eines Satzes erklingen. Aus heutiger Sicht besteht der Bedeutungswandel darin, dass phrygische Kadenzen nicht mehr als Ganzschlüsse, sondern als Halbschluss verstanden worden sind.
In vierstimmigen Aussetzungen können in einer phrygischen Wendung zwei aufwärtsführende Sekundschritte erklingen. Diese Auffwärtsbewegungen unterstreichen eine öffnende Halbschlusswirkung und lassen sich wiederum in Analogie zur Sprache begreifen: Als Heben der Stimme bei einer Frage (›Interroagtio‹ = lat. Frage).

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Vielleicht wurden aus den genannten Gründen in Vokalmusik des 17. Jahrhundert phrygische Wendungen bzw. der phrygische Halbschluss immer dann gerne komponiert, wenn es eine inhaltlich bedeutungsvolle Frage zu vertonen gab. Man beachte in dem Literaturbeispiel von Pergolesi (Arie der Olympiade) zu der Frage »Dimmi perché?« die phrygische Sekunde im Bass, die Auffwärtsführung der Gesangsstimme (»perché?)«, die Steigerung der zweiten Frage gegenüber der ersten (»Dimmi«) sowie die bedeutungsvollen Generalpausen:

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Auch Johann Sebastin Bach vertont noch in seiner Matthäuspassion die existentiellste aller Fragen (»Mein Gott, warum hast du mich verlassen?«) mit Hilfe einer phrygischen Wendung. Beachtenswert ist hier nicht nur die Melodieführung (z.B. die seufzend klingende Abwärtsbewegung und der verminderte Dreiklang zu den Worten »Mein Gott« im Gegensatz zu der Aufwärtsrichtung der Melodie bei der Frage »Warum hast Du mich verlassen?«). Eine Besonderheit zeigt auch die Tonart es-Moll (zu erkennen im Generalbass), die (vielleicht auf Grund der Vorbildfunktion dieser berühmten Stelle) in vielen Werken späterer Zeit symbolisch bzw. als ›Tonart des Todes‹ verwendet worden ist.

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Mustergültige Fragevertonungen in dem hier beschriebenen Sinne finden sich darüber hinaus am Ende des Dialogs zwischen Tamino und dem Tempelpriester. Die ängstlichen Fragen Taminos »Wann also wird die Decke schwinden?«, »Wann wird das Licht mein Auge finden?« und »Lebt denn Pamina noch?« am Ende des Rezitativs vertont Wolfgang Amadeus Mozart in seiner ›Zauberflöte‹ KV 620 durch phrygische Wendungen. Das folgende Notenbeispiel zeigt die erste dieser Fragen:

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Selbst im 19. Jahrhundert, z.B. in den Klavierliedern von Franz Schubert, Robert Schumann, Felx Mendellssohn und anderen, ist das bedeutungsvolle Fragen nicht selten noch mit einer phrygischen Wendung verbunden. Ein erstes Beispiel entstammt dem ›Morgengruß‹ von Franz Schubert aus der ›Schönen Müllerin‹. Die zweifache phrygische Wendung (g-Moll/A-Dur und f-Moll/G-Dur) ist dabei Teil einer sehr farbigen Harmonisierung des chromatischen Bassgangs (Lamentobass):

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Wie bereits erwähnt worden ist, wird in einer phrygischen Klausel auf den Ton ›e‹ die Finalis von unten über einen Ganzton- und von oben über einen Halbtonschritt erreicht. Die Halbschlusswirkung der phrygischen Wendung lässt sich verstärken, wenn der Schritt von unten zur Finalis durch Chromatik zu einem Halbstonschritt bzw. Leitton verändert wird (so dass zwei Leittöne erklingen: ›f-e‹ und ›dis-e‹). Aus harmonischer Sicht entsteht dadurch ein übermäßiger Sextakkord, der wie ein Signal für den Halbschluss wirkt:

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Im Lied ›Wohin‹ aus der ›Schönen Müllerin‹ fragt der Wanderer ein Bächlein nach dem Weg. Diese Frage vertont Schubert durch eine phrygische Wendung in e-Moll, wobei durch den chromatische Durchgang ›ais‹ in der Melodie vor dem Halbschlussakkord H-Dur der übermäßige Sextakkord entsteht (›c-e-ais‹):

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Gerüstsatz:

Die phrygische Wendung als Fragetopos Notenbeispiel
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Schon im 18. Jahrhundert finden sich beide Formen der phrygischen Wendung (diatonisch/chromatisch) zur Vertonung von Fragen. In dem bereits erwähnten Dialog aus der Zauberflöte Mozarts unterstreicht zum Beispiel eine chromatisierte phrygische Wendung in d-Moll die Frage Taminos »Ist dies der Sitz der Götter hier?«:

Die phrygische Wendung als Fragetopos
Notenbeispiel

Und auch am Ende des Dialogs findet sich eine chromatisierte phrygische Wendung. Die Chromatisierung hat hier die Funktion einer klanglichen Intensivierung gegenüber der ersten Frage Taminos »Wann also wird die Decke schwinden?«, die bereits im Vorangegangenen besprochen worden ist:

Die phrygische Wendung als Fragetopos
Notenbeispiel