Pop-/Rockmusik und Gesellschaft in der DDR

von Ulrich Kaiser

Die Entwicklung im Überblick von

Der Umgang des Staates mit der Beat- und Rockmusik in der DDR war starken Wandlungen unterworfen. Auf der einen Seite standen Repressalien, restriktive Vergabe von Auftrittsgenehmigungen, Vorgaben für das gespielte Repertoire, eine Zensur der gesungenen Texte sowie Zwangsauflösungen bekannter Bands, auf der anderen Seite öffentliche Anerkennung, Förderungen durch das staatliche Schallplattenlabel AMIGA sowie Rundfunk und Fernsehen. Im Folgenden finden Sie eine Übersicht zur Entwicklung der Rockmusik in der DDR zwischen 1955 und 1975:

1955−1960

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In der zweiten Hälfte der 50er Jahre dominierte der Rock'n Roll das Lebensgefühl vieler Jugendlicher. Über die Radiosender der Besatzungsmächte (AFN, BFN) sowie über Radio Luxemburg und den RIAS schwappte die Rock'n-Roll-Welle auch nach Deutschland und wurde zur Protestkultur in Ost und West gleichermaßen. Nicht nur im Westen kam es dabei zu Auseinandersetzungen zwischen den Jugendlichen und der Kriegsgeneration. Auch in der DDR wurde zum Beispiel 1956 in Weimar, Rostock und Osterberlin mit bis zu 600 Teilnehmern demonstriert, 1957 gab es Proteste in Ostberlin, Falkenberg und Leipzig, wo von 500 Jugendliche eine Polizeiwache angegriffen wurde, um in Gewahrsam genommene Rock'n Roll Kameraden zu befreien. 1958 fanden regelmäßige Jugendtreffs mit bis zu 600 Beteiligten in Leipzig statt, die nicht selten zu Auseinandersetzungen mit den Ordnungskräften führten.
Der Umgang der Presse mit der Jugendbewegung war in Ost und West vergleichbar, allerdings wurde in der DDR die Ursache für die Ausschreitungen in der Dekadenz des kapitalistischen Auslands gesehen. Ein hartes Durchgreifen gegen Rock'n Roll-Musiker und -randalierer mit ›Erziehungsmaßnahmen‹ oder Inhaftierung waren an der Tagesordnung.
Seit 1953 durften in der DDR nur Berufsmusiker Tanzmusik in Gaststätten oder auf sonstigen Veranstaltungen aufführen. Am 4. Juni 1953 wurde diese Anordnung gelockert und in Ausnahmefällen waren nun auch nebenberufliche Musikausübende zugelassen, wenn beispielsweise vor Ort keine Berufsmusiker verfügbar waren. In der »Anordnung über die Programmgestaltung bei Unterhaltungs- und Tanzmusik« am 2. Januar 1958 heißt es:

§ 1 (1) Bei allen Veranstaltungen von Unterhaltungs- und Tanzmusik ist das Programm derart zu gestalten, daß mindestens 60 Prozent aller aufgeführten Werke von Komponisten geschaffen sind, die ihren Wohnsitz in der Deutschen Demokratischen Republik, der Sowjetunion oder den Volksdemokratien haben. Diese Werke dürfen auch nicht in Verlagen außerhalb der angeführten Gebiete erstmalig erschienen sein. Bei Unterhaltungsmusik dürfen im Rahmen des oben angegebenen Prozentsatzes auch solche Werke aufgeführt werden, für die die gesetzliche Schutzfrist abgelaufen ist.
§ 3 (1) Wer als Verantwortlicher für die Programmgestaltung vorsätzlich oder fahrlässig den Bestimmungen des § 1 Abs. 1 oder 2 zuwiderhandelt, kann mit einer Ordnungsstrafe bis zu 500,– DM bestraft werden.
§ 4 Unabhängig von der Verhängung einer Ordnungsstrafe kann Berufsmusikern bei mehrmaliger Zuwiderhandlung gegen § 1 Abs. 1 oder 2 der Berufsausweis nach den Bestimmungen der Anordnung vom 9. September 1955 über die Ausstellung von Berufsausweisen zur hauptberuflichen Ausübung von Unterhaltungs- und Tanzmusik (GBl. I, S. 660) entzogen werden. Nebenberufliche Musiker können in derartigen Fällen von der Vermittlung durch die Musikvermittlung ausgeschlossen werden.

zitiert nach: Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern (DGDB)

Diese Anordnung hatte weitreichende Folgen: Auf der einen Seite schützte sie die DDR vor dem Abfluss von Devisen ins kapitalistische Ausland, auf der anderen Seite förderte es die künstlerische Eigenständigkeit und Produktivität heimischer Musikerinnen und Musiker.
Neben dem erwähnten harten Durchgriff und den zum Teil drakonischen Strafen entwickelte sich Ende der 50er Jahre aber auch eine erste systematische Musikförderung in der DDR. Von 1954 bis 1957 existierte ein AMIGA-Nachwuchsstudio unter der Leitung von Walter Kubiczeck, 1957 wurde solche Einrichtung unter der Leitung von Rudolf Weiß beim Rundfunk der DDR gegründet. Ziel war eine Ausbildung von Begabungen zu professionellen Unterhaltungsmusikerinnen und -musikern. Während die Hochschulen für Musik in Berlin und Dresden erst Anfang der 60er Jahre mit einer speziellen Popularmusikausbildung nachzogen, gründete der Musikpädagoge Kurt Peukert bereits 1959 an der Musikschule Berlin-Friedrichshain eine Spezialklasse für Tanzmusik. Hier wurden Laienmusikerinnen und -musiker auf die Anforderungen des Tanzmusikerberufs vorbereitet und die Liste späterer Absolventen liest sich wie das Who-is-Who der Osteutschen Rockmusik: Dieter Franke (Franke Echo Quintett, Berlin), Fritz Puppel und Toni Krahl (City, Berlin), Herbert Dreilich und Ullrich Swillms (Karat, Berlin), Dieter Birr und Peter Meyer (Puhdys), Peter Gläser (Karussell, Leipzig), Jürgen Matkowitz (Prinzip, Berlin) Gerhard Hugo Laartz, Fred Baumert, Klaus Lenz, Angelika Mann, Uschi Brüning, Franz Bartzsch, Regine Dobberschütz, Ulrich Gumpert, Henry Kotowski, Wolfram Bodag, Konrad Bauer u.v.a.
Dass in der Jugenderziehung ein Schlüssel zur ästhetischen Eigenständigkeit der DDR liegen konnte, wurde dabei nicht nur von Politikern gefordert. Hanns Eisler äußerte sich im Gespräch mit Hans Bunge dazu folgendermaßen:

Das große Publikum ist nicht dumm. Dumm sind die Spezialisten. Mein Lieblingswort ist: Jeder Mensch ist musikalisch − musikalisch begabt. Aber wenn die Musiklehrer auf die Knaben loskommen und unterrichten, wird er in vier Jahren unmusikalisch [...] Unsere Aufgabe ist also nicht nur, zu erziehen oder zu lehren, sondern: Lehret die Lehrer!
Unsere jungen Leute tanzen gerne Boogie-Woogie. Wir sind politisch dagegen. Aber ästhetisch siegen die jungen Leute, weil sie gerne danach tanzen. Wir haben das gar nicht notwendig. Wir haben so große Vorzüge als Kommunisten und Sozialisten, dass es nicht notwendig ist, jeden Dreck zu politisiere und ihn abzumessen, ob er unserer Weltanschauung entspricht. Das ist einfach Schwachsinn.

Aus: Hanns Eisler. Gespräche mit Hans Bunge, Leipzig 1975, S. 151 und S. 155.

Hätte man auf Hanns Eisler gehört, wäre die DDR-Geschichte allerdings um eine Kuriosität ärmer, denn mit einer sozialistischen Kreation die Jugend musikalisch erziehen. Das Heilmittel gegen Boogie-Woogie hieß: Lipsi! Ernsthaft versuchte man mit nicht unerheblichem Aufwand, den Lispi der Jugend als Rock'n-Roll-Alternative zu empfehlen. Viele Komponisten und Arrangeure wurden beauftragt, bis die AMIGA über 60 Titel auf mehr als 20 Schallplatten veröffentlicht hatte:

Es gab einen Lotto-Lipsi (»6 aus 49«) und einen Messe-Lipsi für den West-Export: »Und sie tanzten Lispi wie noch nie − Made in Germany«. Natürlich kam, was kommen musste: Der Lipsi floppte.

1960−1965

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Anfang der 60er Jahre flaute die Welle der Begeisterung für Rock'n Roll ab. Die neue Modewelle, ein Tanz im 4/4-Takt »ohne Partnerverbindung«, hieß Twist. Der sozialistische Antwort auf den Twist, dem Gesellschaftstanz Orion, war − wie bereits dem Lipsi − kein Erfolg beschieden. Zu dieser Zeit hatte jeder zweite deutsche Haushalt einen Fernseher, fast 90% der Jugendlichen ein Kofferradio und die Qualität der Rundfunkempfänger nahm stetig zu.
Nach dem Bau der Mauer am 8. August 1961 wurde einerseits hart von offizieller Seite gegen unangepasste Jugendliche vorgegangen, wie beispielsweise gegen den Gründer des 1961 verbotenen Ted-Herold-Clubs Michael Gartenschläger, andererseits war man sich schon bald der Tatsache bewusst, dass die sozialistische Jugend nicht ausschließlich durch Druck von oben gesteuert werden konnte. In die erste Hälfte der 60er Jahre fallen daher nicht nur Bemühungen der Regulierung, beispielsweise die im August 1962 erlassene Vergütungsrichtlinie, bei der Musikgruppen auch nach Kleidung, Haartracht und gesellschaftlicher Wirksamkeit beurteilt wurden oder der kommunistischen Kritik an der Rock-Musik als westliche Subversion nach Ausschreitungen vor 1964. In diese Zeit fällt auch eine erste Öffnung in Richtung Beatmusik: Im staatseigenen Schallplattenlabel AMIGA wurden mit Beat I und Beat II heimische Beatgruppen mit Coverversionen westlicher Titel präsentiert, die Ausgabe 9 der Langspielplatten-Reihe »AMIGA-Express« enthielt eine deutsche Version der Amigos von I Want To Hold Your Hand der Beatles und 1965 erschien dann sogar eine Lizenz-Schallplatte der Liverpooler. Zum Deutschlandtreffen vom 16. bis 18. Mai 1964 in Ostberlin wurde das Jugendstudio DT64 gegründet, das aufgrund des großen Zuspruchs der Jugend über das Treffen hinaus als fester Bestandteil des Berliner Rundfunks (bis zur Wende) fortgeführt wurde.
Maßgeblich für die Beatbegeisterung waren auch in der DDR die Beatles, die Rolling Stones und andere bekannte englischsprachige Bands. Jugendliche versuchten, über westliche Rundfunksender ausgestrahlten Hits nachzuspielen und sich auf diese Weise vom Tanzmusikgeschmack ihrer Eltern abzugrenzen. Am 17. November 1964 durften die Amigos ihre Coverversion des Beatles-Hits I Want To Hold Your Hand sogar im Fernsehen darbieten, mit dem Franke-Echo-Quintett sowie den Sputniks wurden zwei weitere beliebte Gitarrengruppen des Landes ausgestrahlt. Als das Publikum jedoch Zugaben verlangte und die sich anschließende Schlagermusik störte, kam es zu einem ersten öffentlichen Beatskandal.
In die ersten Hälfte der 60er Jahre fallen zahlreiche Bandgründungen, zum Beispiel die Sputniks (1963), das Franke-Echo-Quintett (schon 1959) und das Diana-Show-Quartett/Quintett (1963) aus Berlin, die Leipziger Butlers (1963, hervorgegangen aus der verbotenen Klaus-Renft-Combo, später ebenfalls verboten) sowie die Rostocker Baltics (1964 aus Trio 63 entstanden).
Ein Problem für Jugendliche in der DDR war der Mangel an elektronischen Instrumenten wie Hammondorgel, E-Gitarre und E-Bass. Wer dazu in der Lage war, bastelte sich sein Instrument selbst zusammen wie beispielsweise Dieter Franke (Bandleader des Franke-Echo-Quintetts). Da aber aus qualitativen Gründen heimisch produzierte Instrumente (z.B. von VEB Vermona, Eterna, Elgita und Elektra) abgelehnt wurden, blieb nur eine illegale Beschaffung zu horrenden Preisen aus dem Westen. Besonders beliebt waren dabei Instrumente der japanischen Fa. Ibanez, die günstige Kopien der amerikanischen Marken Les Pauls und Fender und Gibson herstellte. Lange Zeit florierte der Schwarzmarkt mit Instrumenten, bis im Vorfeld der X. Weltfestspiele 1973 ein Präzedenzfall geschaffen und Peter Nehls zu 24 Monaten Haft und einer Geldstrafe von 1400.- Westmark (D-Mark) verurteilt worden ist.

1965−1970

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Der Liberalisierung in der ersten Hälfte der 60er Jahre folgte eine jugendpolitische Eiszeit in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Am 21. Februar 1965 fand im Clubhaus des VEB Großdrehmaschinenbau ›8. Mai‹ ein Konzert mit den Sputniks statt, bei dem es zu Auseinandersetzungen zwischen der Volkspolizei und über 1000 Jugendlichen kam. Am 15. September ereigneten sich in West-Berlin schwere Ausschreitungen anlässlich eines Konzerts der Rolling Stones in der Berliner Waldbühne:

Dieses Ereignis sorgte auch in der DDR-Presse für ein aggressives Klima und eine Hetzkampagne gegen ›Langhaarige‹. Am 21. Oktober erhielten die Butlers ein unbefristetes Spielverbot von der Abteilung Kultur des Rates der Stadt Leipzig. Am 12. September wurde darüber hinaus ein »Spielverbot von Beat-Gruppen in Spieltheatern« erteilt. Vom Sekretariat des Zentralkomitees der SED sowie aufgrund von Anweisung des Ministeriums für Kultur wurde es darüber hinaus Gitarrengruppen verboten, in öffentlichen Räumen Beatmusik oder Rock'n Roll zu spielen. Allein durch diese Anweisung verloren in der Stadt Leipzig 44 der 49 registrierten Amateurbeatbands ihre Spielerlaubnis. Schließlich kulminierte das jugendliche Aufbegehren am 31. Oktober 1965 in die Leipziger Beat-Demo auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz vor dem Rathaus, wo 2.000 bis 2.500 überwiegend jugendliche Personen unter massivem Polizeiaufgebot und unter Einsatz von Gummiknüppeln, Hunden und Wasserwerfern auseinandergetrieben wurden. Die Bilanz dieses Ereignisses: 267 Demonstranten wurden verhaftet, 97 Personen mussten bis zu sechs Wochen lang Zwangsarbeit leisten. Die politische Reaktion auf die Leipziger Beat-Demo folgte kurze Zeit später. Auf der berüchtigten 11. Tagung des ZK der SED vom 16. bis 18. Dezember 1965 sagte der Vorsitzende des Staatsrats der DDR Walter Ulbricht:

Liebe Freunde! Sind wir denn wirklich nur angewiesen auf die monotonen westlichen Tänze? Haben wir in den sozialistischen Ländern nicht genügend herrliche und temperamentvolle Tänze, die vollständig ausreichen, daß sich die Jugend dabei genügend austoben könnte. Haben wir nicht genug? (Allgemeine Zustimmung) Wir haben interessante und künstlerisch wertvolle Tänze. Aber statt dessen blicken einige Kunstschaffende nur nach dem Westen und sind der Meinung, daß die Deutsche Demokratische Republik in kultureller Beziehung vor allem von Texas lernen kann. Ich bin der Meinung, Genossen, mit der Monotonie des Jay, Jeh, yeh [sic!], und wie das alles so heißt, sollte man doch Schluß machen […] Ist es denn so, daß wir jeden Dreck, der aus dem Westen kommt, kopieren müssen?

W. Ulbricht, zitiert nach: Michael Rauhut, Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964−1972 − Politik und Alltag, Berlin 1963, S. 162.

Gegen das 11. ZK der SED wetterte Wolf Biermann in seinem Lied Das macht mich populär auf seiner 1974 − zwei Jahre vor seiner Ausbürgerung 1976 − erschienenen LP aah ja!:

Zwischen November 1965 und Februar 1966 wurden gegen Mitglieder von Beatformationen 88 Ermittlungsverfahren eingeleitet, gegen 188 Personen wurde eine Arbeitserziehung ausgesprochen. Allerdings wurde nicht nur verboten, es wurde im Umfeld der 11. Tagung des ZK auch gefördert und zwar eine Verbesserung der Musikerziehung. Fokussiert wurde eine professionelle Tanzmusikausbildung mit Unterricht in Elementarlehre/Gehörbildung und Plektrumgitarre zum Erlernen notwendiger Kenntnisse bis zur Erlangung des Berufsausweises.
Die Auseinandersetzung mit der Beatmusik nach dem 11. ZK Plenum begann langsam und zögerlich. Dabei kam dem Rundfunk eine besondere Bedeutung zu. Zwischen 1965 und 1970 stieg die Produktion von Rock- und Popmusik an. Für den Rundfunk produzierten Theo Schumann (mit Orchester, Quartett und Combo), das Horst-Krüger-Sextett und Klaus Lenz. Insbesondere Lenz hatte einen Spürsinn für neue Talente und entdeckte u.a. Reinhard Lakomy, Ulrich Gumpert und Manfred Schulze. 1968 veröffentlichte auch AMIGA die LP Die Straße von Thomas Natschinski & Gruppe. Die Einsicht in die Notwendigkeit einr speziellen Förderung wurde erkannt:

In Zusammenarbeit mit dem staatlichen Rundfunkkomitee, den zuständigen Industrie-Ministerien, dem Ministerium für Handel und Versorgung, dem Verband deutscher Komponisten [und Musikwissenschaftler] und der Freien Deutschen Jugend ist unter der Federführung des Ministeriums für Kultur bis Ende 1968 ein Perspektivplan für die komplexe Entwicklung der Tanz- und Schlagermusik einschließlich jugendgemäßer Lieder auszuarbeiten, dessen Ziel es ist:
− die Tanzmusik- und Schlagerproduktion, besonders von jugendgemäßen Liedern und Tanzmusik in der DDR quantitativ und qualitativ zu erhöhen ohne zusätzliche Mittekl aus dem Nationaleinkommen zu beanspruchen [...]
− [...]
− Maßnahmen festzulegen, die eine ständige und systematische Übernahme des Besten aus dem populären Lied- und Tanzmusikschaffen der sozialistischen Länder Europas, insbesondere der Sowjetunion, sichern, um das Angebot der DDR zu bereichern.

zitiert nach: Michael Rauhut, Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964−1972 − Politik und Alltag, Berlin 1963, S. 222.

Da sich der zur Verfügung stehende Senderaum des Ostdeutschen Rundfunks noch nicht mit heimischen Produktionen füllen ließ, wurde eine Übergangslösung in der sozialistischen Nachbarschaftshilfe im Rückgriff auf Bands aus Ungarn und Polen gesehen, wobei diese Rockimporte vond er Presse wohlwollend besprochen wurden. Für die heimischen Bands bedeuteten die ausländischen Bands eine Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Professionalität. Thomas Natschinski erinnert sich:

Viele der polnischen, vor allem aber der ungarischen Gruppen waren uns damals so meilenweit voraus, daß sie im Prinzip die meisten DDR-Bands 'in Grund und Boden' spielten, wenn sie hier aufgetreten sind. Ihr aggressiver Stil wie auch das ganze Äußere, die langen Haare und Glitzeranzüge, ihre Bühnenshows, kamen unheimlich gut an. Außerdem waren sie oftmals mit hochwertiger Technik und hervorragenden Instrumenten ausgerüstet [...]

zitiert nach: Michael Rauhut, Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964−1972 − Politik und Alltag, Berlin 1963, S. 268.

Gegen Ende des Jahrzehts dürften nicht zuletzt auch die 68-Bewegung, ihre Spuren in der DDR hinterlassen haben. Zwar lag der freiere Umgang mit Sexualität und Drogen nicht im Förderrahmen der sozialistischen Jugend, aber die politische Haltung zum Vietnamkrieg, die Anprangerung der Nazi-Väter sowie die Einstellung der Hippie-Bewegung zur Gewalt dürften das Verhältnis zu Jugend auch entlastet haben. Der Durchbruch für und die offizielle Anerkennung von Beatmusik erfolgte allerdings erst zum Beginn der 70er Jahre.

1970−1975

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Nach zögerlichen Versuchen ging 1971 im Rundfunk der DDR regelmäßig die Notenbank auf Sendung, deren Aufgabe es war, nationale Beatproduktionen vorzustellen und Interviews mit den Musikerinnen und Musikern zu senden. Die Notenbude war ein Musikmagazin auf Stimme der DDR und startete Ende 1972. Wöchentlich wurden jeweils zwei Titel vorgestellt, die Sendung enthielt weiterhin Publikumswertungen, Interviews und Diskussionsrunden. Die erste Wertungssendung der DDR war allerdings die seit 1971 auf dem gleichen Sender ausgestrahlte Beatkiste.
Um 1970 und in der ersten Hälfte der 70er Jahre wurden viele der bekanntesten Bands der DDR gegründet wie beispielsweise die Puhdys (1969), Electra (1969), Panta Rhei (1971), City (1972), Veronika Fischer Band (1973), Prinzip (1973), Automobil (1974) und Karat (1975).
Günther Jahns Bemerkungen auf der 6. Tagung des ZK der SED (1972) lässt sich sehr deutlich die politische Absicht entnehmen, warum auch Beat- und Popmusik zu den Förderungsgegenständen in der DDR gehören sollte:

Als wir unsere Absicht darlegten, im Interesse des Jugendtanzes eine FDJ-Werkstattwoche mit Jugendtanzkapellen, vorwiegend Combos, durchführen zu wollen, gab es selbst in unseren eignen Reihen warnende und skeptische Stimmen, die meinten: Laßt eure Finger von diesem heißen Eisen! − Nun, Genossen, ich sage hier ganz offen: Es ist schon möglich, daß trotz aller vorausschauenden Konzeptionen politischer Leitung und guter Organisation dabei diese oder jene negative Begleiterscheinung auftreten kann. Aber unser Standpunkt lautet: Nicht auf die Jugendcombos schimpfen, sondern mit ihnen arbeiten. Besser, das Risiko einiger Mängel in Kauf nehmen und sie im Vorwärtsschreiten korrigieren, als daß ein wichtiger jugendpolitischer Bereich ohne unseren Einfluss bleibt [...]

zitiert nach: Michael Rauhut, Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964−1972 − Politik und Alltag, Berlin 1963, S. 283.

Die Förderung der eigenen Beatmusik hatte eine konkurrenzfähige Jugendmusik zum Ziel und erhielt durch die Vorbereitungen auf die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in Berlin (Ost) enormen Auftrieb. Von über 1000 Kulturveranstaltungen dieser Festspiele war ein Großteil der Rock- und Popmusik vorbehalten, präsentierten wurden in erster Linie sowohl heimische Beat- und Rockbands sowie Formationen aus den sozialistischen Bruderstaaten. Wer allerdings glaubte, dass unter dem am 3. Mai 1971 gewählten Erich Honegger die Zeit von Bandauflösungen und Repressalien vorbei sei, wurde bald eines besseren belehrt: 1975 wurde der Renft-Combo dauerhaft die Spielerlaubnis entzogen und einige Mitglieder in den Westen abgeschoben, 1976 Wolf Biermann ausgebürgert und Nina Hagen folgte ihrem Stiefvater 1977 in den Westen.