Sequenzen und die Funktionstheorie

von Ulrich Kaiser

In der »Funktionellen Harmonielehre« von Hugo Distler von 1940 findet sich eine Aufgabe, in welcher der folgende Bass mit Hilfe von Funktionssymbolen ausgesetzt werden soll:

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 1

Es ist schwierig, sich über die Funktionszeichen die konkreten Klänge vorzustellen. Darüber hinaus geben die Funktionssymbole keine Auskunft zur Stimmführung, so dass ein Arbeitsweg nach Distlers Harmonielehreaufgabe für Ungeübtere darin bestanden haben dürfte, zuerst die Töne zusammen zu suchen, welche durch die Funktionssymbole bezeichnet werden und anschließend eine korrekte Stimmführung auszuarbeiten. Das folgende Notenbeispiel zeigt eine mögliche Lösung dieser Aufgabe:

Funktionstheorie vs. Modellanalyse - Beispiel 2

Als Ergebnis ist ein gängiges Sequenzmodell zu sehen Quintfallsequenz, das mit einer Kadenz schließt. Diese Sequenz hätte auch wie folgt chiffriert werden können:

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 3

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 4

In diesen beiden alternativen Lösungen besteht ein Problem darin, dass dem D9-Akkord ohne Grundton im zweiten Takt keine Tonika, sondern ein Tonikavertreter folgt. Da streng genommen die Funktion der Dominante die Erwartung einer Tonika erzeugt, muss der Eintritt des Tonikagegenklangs (Tg) als Trugschluss im weiteren Sinne bezeichnet und die enttäuschte Erwartungshaltung durch eckige Klammern [T] zum Ausdruck gebracht werden. Doch die Regelmäßigkeit der Quintfallsequenz und ihre Voraushörbarkeit widerspricht der Annahme eines Trugschlusses. Darüber hinaus lässt sich noch ein weiteres Problem für alle drei angegebenen Funktionschiffrierungen benennen: In der Funktionstheorie weisen Akkorde im Sekund- und Quintabstand eine funktionale Differenz auf, Akkorde im Terzabstand tendieren hingegen zur funktionalen Identität:

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 5

In jeder Chiffrierung einer Quintfallsequenz durch Funktionssymbole tritt jedoch an einer Stelle für zwei Akkorde im Quintabstand eine gleiche Funktionalität auf (D−Dp im ersten, Tg−Tp im zweiten und Sg−Sp im dritten Beispiel). Um dieses Problem zu umgehen, wird nicht selten zur Beschreibung von Sequenzen auf die Verwendung von Funktionssymbolen verzichtet und auf Stufensymbole ausgewichen. Mit Hilfe von Stufensymbolen lassen sich die Akkordtöne ebenfalls chiffrieren, jedoch ohne eine funktionale Deutung der Klänge vornehmen zu müssen:

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 5

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Eine weitere Beschreibungsmöglichkeit besteht darin, die oben gezeigte Klangfolge als mehrstimmige Ausformung eines elementaren Stimmführungsmodells aufzufassen (Quintfallsequenz mit 7-6-Synkopenkette). Diese Sichtweise verdankt sich in erster Linie Impulsen der historischen Musikwissenschaft, wie sie in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts von den Musikwissenschaftlern Ernst Apfel und Carl Dahlhaus ausgegangen sind:

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 6

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Neu an dieser Sichtweise war die Vorstellung, dass satztechnische Modelle eine »Geschichte« haben und − darin vergleichbar der Sprache − wandelbar sind. Wie in der Sprachforschung liegt es daher auch in der Musikforschung nahe, diese Wandlungen zu untersuchen und aus den zu Tage tretenden Differenzen stilistische und ästhetische Erkenntnisse zu gewinnen. Das satztechnische Modell der 7−6-Synkopenkette ist also nicht nur für die musikalische Analyse der Werke von Arcangelo Corelli, Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart geeignet, sondern kann auch zur Beschreibung »romantischer« und expressiv-chromatischer Harmoniefolgen wie zum Beispiel in der Mazurka op. 6 Nr. 1 in fis-Moll von Frédéric Chopin herangezogen werden. Eine Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Vorzeichen ab Takt 5 in einem ursprünglichen Sinne als Chromatisierung bzw. Verfärbung (griech. χρομα = Farbe) eines diatonischen Gerüstsatzes verstanden werden:

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 4

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 4

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Das satztechnische Modell der 7-6-Synkopenkette ist hier nicht nur beim Verständnis der Harmonik hilfreich, sondern verdeutlicht auch den Spannungsverlauf des Abschnitts, denn die Mechanik der 7−6-Synkope verursacht eine Bewegung, die erst in der Oktave der fis-Moll-Tonika bzw. der thematischen Wiederholung der Anfangstakte zur Ruhe kommt.
Die Art der Chromatik, also warum die Vorzeichen von Chopin genau in dieser Abfolge und nicht in einer anderen Anordnung verwendet worden sind, vermag das Satzmodell jedoch nicht zu erklären. Für diesen Aspekt kann wiederum auf Funktionssymbole zurückgegriffen werden.

Aufgabe 1

Analysiere mit Hilfe von Funktionssymbolen:

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 4

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 4

Dem Anfang der Mazurka liegt eine Sequenz zugrunde, deren funktionale Chiffrierung sich wie folgt ausnimmt:

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 1

Die Beschreibung des Anfangs über ein satztechnisches Modell würde auf die immanenten Terzparallelen und den Zick-zack-Bass (cis-fis-e-a) verweisen, so dass sich in Verbindung mit der Quintfallsequenz ein sehr einfacher Gerüstsatz für die Takte 1–10 der Mazurka Chopins ergibt:

Funktionstheorie und Sequenzen - Beispiel 4

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In der Praxis wird heute die Funktionstheorie insbesondere im Umgang mit Sequenzen vielen Orts als unzureichend empfunden. Werden Sequenzen über Satzmodelle beschrieben, besteht ein Vorteil darin, dass in der Analyse von Anfang an mit einfachen Notenbildern (Gerüstsätzen) gearbeitet werden kann, was wiederum die schwer zu erlangende Koppelung von konkreter Klangvorstellung und abstrakten Chiffrierungssystem entbehrlich macht.