Der Fortspinnungstypus

von Ulrich Kaiser

Das Modell

Als Fortspinnungstypus wird ein dreiteiliges Modell bezeichnet, das aus den Formfunktionen Vordersatz, Fortspinnung und Epilog besteht und das üblicher Weise zum Analysieren von Eingangsritornellen barocker Konzert- und Ariensätzen verwendet wird. Clemens Kühn schreibt zum Fortspinnungstypus in seiner Formenlehre:

»Er hat drei Formglieder: Vordersatz − Fortspinnung − Epilog. Der Vordersatz zeichnet sich aus durch motivische Prägnanz [...] Weniger konturiert ist die Fortspinnung [...] In der Regel unterstützen Sequenzen diese lockere Fortführung. Den Epilog bildet eine mehr oder weniger erweiterte und ausgezierte Kadenz.«

Clemens Kühn, Formelehre der Musik Kassel 1987, S. 44/45.

In seiner Formenlehre gibt Kühn als ein Beispiel den Anfang der Arie »Bereite dich Zion« aus dem Weihnachtoratorium BWV 248.

Bach - Bereite dich Zion Bach - Bereite dich Zion mit Lösung

Quelle: YouTube.

Die drei Formfunktionen des Fortspinnungstypus lassen sich im Beispiel der Arie von Bach recht gut anhand der folgenden Kriterien bestimmen:

  • Der Vordersatz (beim Berühren der Abbildung = grün) ist 8 Takte lang und endet mit einem öffnenden E-Dur-Akkord in Quintlage (Halbschluss) in der Grundtonart,
  • die Fortspinnung (= orange) besteht aus einer Quintfallsequenz (A-d-G-C-F),
  • der Epilog (= rot lässt sich als Kadenz interpretieren, die in T. 16 das Orchestervorspiel beendet und deren Vorbereitung über die Änderung der melodischen Gestaltung beim Eintritt des Fundaments F greifbar wird.

Als weiteres Beispiel führt führt Clemens Kühn das Orchesterritornell des Violinkonzerts in a-Moll Op. 3 Nr. 6 von Antonio Vivaldi an:

Vivaldi - Violinkonzert a-Moll Vivaldi - Violinkonzert a-Moll mit Lösung

Quelle: YouTube.

In diesem Teil lassen sich die drei Formfunktionen anhand der folgenden Kriterien bestimmen:

  • Der Vordersatz (beim Berühren der Abbildung = grün) ist 4 Takte lang und endet mit einem Einschnitt in der Grundtonart. Dieser Einschnitt ist zwar schwächer als der Halbschluss an der entsprechenden Stelle in der Arie Bachs, jedoch kontrastiert die I-V-I-Harmonik des Vordersatzes mit der
  • Fortspinnung (= orange), in der eine vollständige Quintfallsequenz (A-d-G-C-F-h-E-a) zu hören ist. Ihr folgt der
  • Epilog (= rot, der mit einer I-II-V-I-Kadenzharmonik die abschließend Kadenz in der Grundtonart vorbereitet. Die B-Dur-Farbe (Neapolitaner) kann dabei als Signal für den Beginn der letzten Formfunktion (Epilog) interpretiert werden.

Im Vergleich der beiden Beispiele von Clemens Kühn wird ersichtlich, dass die Bestimmung der Formfunktionen Vordersatz, Fortspinnung und Epilog nicht an festen Kriterien orientiert werden kann und auch, dass die Proportionen der Abschnitte sehr unterschiedlich ausfallen können (der Epilog bei Bach umfasst 25%, der Epilog bei Vivaldi beinahe 50% des ersten Abschnitts). Die abstrakten Formfunktionen Vordersatz, Fortspinnung und Epilog (im Sinne von Anfang, Mitte und Ende) des Fortspinnungstypus ergeben einerseits viele Anwendungsmöglichkeiten für die Analyse erster Formabschnitte, andererseits treten nicht selten Schwierigkeiten bei der konkreten Bestimmung der einzelnen Formfunktionen auf. In den musikwissenschaftlichen Diskurs eingeführt wurde das Modell von Wilhelm Fischer.

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Der Fortspinnungstypus nach Wilhelm Fischer

Wilhelm Fischer hatte in einem wirkungsmächtigen Beitrag 1915 Definitionen für zwei Grundtypen der Gestaltung von ersten Teilen von Tanzsätzen gegeben: Periode und Fortspinnungstypus. Zum Fortspinnungstypus schreibt Wilhelm Fischer:

»Die zweite wichtige Strukturform erster Teile von Tanzsätzen ist der ›Fortspinnungstypus‹: auf einen Vordersatz mit Ganz- oder Halbschluss folgt eine motivisch verwandte oder fremde modulierende ›Fortspinnung‹, aus einer oder mehreren aneinander gereihten Sequenzen bestehend; manchmal schließt eine dritte Gruppe als ›Schlußsatz‹ oder ›Epilog‹ das Ganze ab«.

Wilhelm Fischer, "Zur Entwicklungsgeschichte des Wiener klassischen Stils", in: Studien zur Musikwissenschaft 3. H. (1915), S. 28.

Fischer analysiert unmittelbar nach dieser Definition den Beginn der Sarabande der 5. Englischen Suite in e-Moll BWV 810 von Johann Sebastian Bach wie folgt:

Quelle: YouTube.

Er bestimmt als Vordersatz dieser Einheit eine zweitaktige Phrase in e-Moll sowie deren modifizierte Wiederholung in der Tonikaparallele G-Dur. Phrase und Phrasenwiederholung hat er seiner Abbildung mit α gekennzeichnet. Anschließend folgen zuerst zwei eintaktige, als β bezeichnete Motive, die sich jedoch rhythmisch als Ableitung aus α verstehen lassen. Den Schluss bildet eine Kadenz in der fünften Stufe (h-Moll), die Wilhelm Fischer aufgrund der rhythmischen Ähnlichkeit zu α als α1 kennzeichnet. Den Fortspinnungstypus »in höchster Vollendung« sieht W. Fischer im ersten Teil der Allemande der Französischen Suite in E-Dur BWV 817:

Quelle: YouTube.

Hier analysiert Fischer, dass neben "Vordersatz a+b und Fortspinnung c ein deutlicher Schlussteil d vorhanden" sei, wobei der Vordersatz "im kleinen den Aufbau des ganzen Stückes (nur ohne Schlussteil)" zeige. Der Vordersatz Fischers lässt sich dabei als Eröffnung (Anfang) des ersten Formteils (bis zum Doppelstrich) verstehen, der durch eine Kadenz (Ganzschluss in der Ausgangstonart) in Takt 4 beschlossen wird. Der Teil d hingegen hat die Funktion der Festigung (Ende) der Nebentonart (H-Dur). Der Teil d dazwischen (Mitte) moduliert von der Ausgangs- zur Nebentonart. Interessant ist, dass Fischer hier ein Vorkommen des Modells auf verschiedenen Ebenen andeutet ("Der Vordersatz zeigt im Kleinen den Aufbau des ganzen Stückes (nur ohne Schlußteil)").

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Rezeption

Von der Verwendungsweise des Modells Fortspinnungstypus auf verschiedenen Ebene wurden Erwin Ratz und über ihn Teile der amerikanischen Musiktheorie maßgeblich beeinflusst (z.B. William E. Caplin). Auf der Idee Fischer's basiert letztendlich auch eine Auffassung des Seitensatzes (bzw. eines expanded sentence nach Karl Braunschweig), der in einer zweiteiligen Sonatenexposition den Abschnitt von der Mittelzäsur bis zum Ende der Exposition umspannt. Eine grundlegende Kritik dieser Auffassung findet sich hier.

Mehr über die drei grundlegenden Formfunktionen Anfang, Mitte und Ende können Sie in dem Tutorial Was ist eine Formfunktion? erfahren.

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