Der Fortspinnungstypus (nach Wilhelm Fischer)

von Ulrich Kaiser

Inhalt:

  1. Fortspinnungstypus
  2. Formfunktionen
  3. Caplins ›formal functions‹
  4. ›sentence‹ und Seitensatz
  5. Semantik und Kritik
  6. Literatur

Fortspinnungstypus

In einem sehr wirkungsmächtigen Beitrag hat Wilhelm Fischer 1915 in den Studien zur Musikwissenschaft Definitionen für zwei Grundtypen der Gestaltung von ersten Teilen von Tanzsätzen gegeben: Periode und Fortspinnungstypus. Zum Fortspinnungstypus schreibt Fischer:

»Die zweite wichtige Strukturform erster Teile von Tanzsätzen ist der ›Fortspinnungstypus‹: auf einen Vordersatz mit Ganz- oder Halbschluss folgt eine motivisch verwandte oder fremde modulierende ›Fortspinnung‹, aus einer oder mehreren aneinander gereihten Sequenzen bestehend; manchmal schließt eine dritte Gruppe als ›Schlußsatz‹ oder ›Epilog‹ das Ganze ab«.

Wilhelm Fischer, "Zur Entwicklungsgeschichte des Wiener klassischen Stils", in: Studien zur Musikwissenschaft 3. H. (1915), S. 28.

Fischer analysiert unmittelbar nach dieser Definition den Beginn der Sarabande der 5. Englischen Suite in e-Moll BWV 810 von Johann Sebastian Bach wie folgt:

Fischer bestimmt als Vordersatz a dieser Einheit eine zweitaktigen Phrase in e-Moll und deren modifizierte Wiederholung in der Tonikaparallele G-Dur. Phrase und Phrasenwiederholung hat er seiner Abbildung mit α gekennzeichnet. Anschließend folgen zuerst zwei eintaktige, als β bezeichnete Motive, die sich jedoch rhythmisch als Ableitung aus α verstehen lassen. Den Schluss bildet eine Kadenz in der fünften Stufe (h-Moll), die Fischer aufgrund der rhythmischen Ähnlichkeit zu α als α1 kennzeichnet.

Den Fortspinnungstypus »in höchster Vollendung« sieht W. Fischer im ersten Teil der Allemande der Französischen Suite in E-Dur BWV 817:

Hier analysiert Fischer, dass neben "Vordersatz a+b und Fortspinnung c ein deutlicher Schlussteil d vohanden" sei, wobei der Vordersatz "im kleinen den Aufbau des ganzen Stückes (nur ohne Schlussteil)" zeige. Der Vorderstaz Fischers lässt sich dabei als Anfang oder Eröffnung des ersten Formteils (bis zum Doppelstrich) verstehen, der Teil d als Ende bzw. Festigug der Nebentobart (H-Dur) und der Teil dazwischen als Mitte bzw. Überleitung/Modulation von der Ausgangs- zur Nebentonart. Sehr interssant ist auch, dass Fischer hier schon ein Vorkommen des Modells auf verschiedenen Ebenen andeutet ("Der Vordersatz zeigt im Kleinen den Aufbau des ganzen Stückes (nur ohne Schlußteil)"). Auf die Probleme einer fraktalen Verwendungsweise wird an späterer Stelle ausführlich eingegangen.

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Formfunktionen

Die drei Formfunktionen Anfang, Mitte und Ende, die sich im Modell des Fortspinnungstypus von W. Fischer finden, haben im deutschsprachigen musiktheoretischen Diksurs eine längere Geschichte. Die folgende Tabelle zeigt, mit welchen Begriffen diese Formfunktion von verschiedenen Autoren zu unterschiedlichen Zeiten bezeichnet worden sind:

Autor Anfang Mitte Ende
J. Burmeister (1606) Exordium Ipsum corpus carminis Fines
J. E. Eberlin (1760) Exordium Subjectis intermediis Final
W. Fischer (1915) Vordersatz Fortspinnung Epilog
W. E. Caplin (1997) presentation continuation cadential

Bedenkt man, dass im ersten Formteil einer größen Komposition eine Modulation in eine Nebentonart stattfindet, verwundert es wenig, dass sich in vielen Stücken ein die Ausgangstonart bestätigender Abschnitt (Anfang), ein Modulationsabschnitt (Mitte) und ein die neue Tonart festigender Abschnitt (Ende) findet. Und dass in tonaler Musik ein Final oder Epilog mit einer Kadenz schließt, dürfte ebenso selbstverständlich sein, wie William E. Caplins Begriffswahl ›cadential‹ naheliegend.

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