Was ist eine Formfunktion?

von Ulrich Kaiser

  1. Funktionale Äquivalenz
  2. Besonderheit von Formfunktionen: extrinsische Bestimmung
  3. Allgemeine Formfunktionen
  4. Gattungsspezifische Formfunktionen
  5. Formfunktionen im Kleinen
  6. Nachweise und Literatur

In den letzten Jahren hat der Begriff der Formfunktion für die musikalische Analyse immer mehr an Bedeutung gewonnen. Diese Entwicklung lässt sich als Kritik an musikalischen Analysen verstehen, die lediglich bestimmte Details benennen, ohne deren Bedeutung für das Ganze (also ohne die Bedeutung eines Details für die musikalische Form) zu untersuchen. Eine Kadenz beispielsweise ist ein bekanntes Modell zur Analyse von modaler oder tonaler Musik. Am Anfang einer Komposition hat eine Kadenz jedoch eine ganz andere Bedeutung (oder auch: eine ganz andere Formfunktion) als am Ende eines Stücks. In dem folgenden Tutorial werden die Verwendungsweise des Begriffs Formfunktion sowie einige gebräuchliche Formfunktionen veranschaulicht.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Funktionale Äquivalenz

Oftmals wird in Deutschland der Begriff Funktion nur mit der Funktionstheorie in Verbindung gebracht. Dabei ist es sehr hilfreich, den Begriff Funktion nicht auf den Bereich einer harmonischen Funktion zu beschränken, sondern ihn vielmehr in einem allgemeinen Sinn zu verstehen, den man aus der Mathematik oder Logik kennt[1]. Die Leerstelle "x" in den folgenden Ausdrücken ermöglicht beispielsweise verschiedene Einsatzwerte:

    
      "x = 5"
"x ist laut"

Für die Gleichung wären für x z.B. "2 + 3" oder "5 x 5 / 5" als Einsatzwerte möglich, der Satz hingegen könnte durch "Musik" oder "Der Motor" vervollständigt werden. "Musik" und "Der Motor" sind daher funktional gleichwertige (äquivalente) Möglichkeiten, um die Satzfunktion richtig zu vervollständigen. Anhand der Beispiele ist jedoch auch klar, dass nicht alle Einsatzwerte eine richtige Aussage ermöglichen: In der mathematischen Funktion wären beispielsweise die Einsatzwerte "3" oder auch "6 − 2" ausgeschlossen. Überträgt man dieses Verständnis auf die musikalische Analyse, könnte eine Formfunktion zum Beispiel lauten "x = Anfang". Und eine Untersuchung könnte sich an diese Aussage anschließend, die ermittelt, auf welche Weise Komponisten z.B. in Sonaten oder Fugen Anfänge gestaltet haben. Für die Formfunktion Anfang könnten dann die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten der Komponisten als funktional äquivalent betrachtet werden.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Besonderheit von Formfunktionen: extrinsische Bestimmung

Ein Formmodell wie das Modell der Periode oder ein Harmoniemodell wie eine Quintfallsequenz sind durch Eigenschaften gekennzeichnet sind, die fest mit dem Modell verbunden sind. Solche Eigenschaften werden als innere Eigenschaften oder intrinsische Eigenschaften bezeichnet. Auch eine Formfunktion kann durch innere Eigenschaften charakterisiert sein, sie muss es jedoch nicht. Denken sie z.B. an den Begriff Frühling: Sie können sich diesen Begriff rein zeitlich vorstellen, ohne dabei an irgendwelche konkreten Eigenschaften des Frühlings zu denken. In diesem Sinne ist der Frühling die Jahreszeit zwischen dem Winter und dem Sommer und wird von diesen beiden Jahreszeiten quasi von außen, also extrinsisch bestimmt.

Abbildung extrinsische Definition

Sie könnten im Falle der Jahreszeiten jedoch auch an konkrete Eigenschaften denken, z.B. an verschneite Bäume im Winter oder an Sonnenblumenfelder im Sommer.

Abbildung extrinsische Definition

In diesem Fall wäre auch der Frühling durch innere Eigenschaften definiert, also durch Eigenschaften, die fest mit dieser Jahreszeit verbunden sind wie zum Beispiel das langsame Erblühen der Natur, eine gemäßigte Temperatur usw. Dieses Beispiel veranschaulicht sehr schön, dass es Begriffe wie die der Jahreszeiten gibt, die sich einerseits sehr abstrakt und andererseits auch sehr konkret denken lassen. Genauso verhält es sich mit Formfunktionen in der Musik, die man sich abstrakt und konkret vorstellen kann. Im Gegensatz dazu müssen wir bei Satzmodellen, Melodiemodellen, Harmoniemodellen und auch bei Formmodellen immer an konkrete bzw. intrinsische Eigenschaften denken, andernfalls könnten wir diese Modelle überhaupt nicht voneinander unterscheiden.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Extrinsische Formfunktionen

Im Laufe der Geschichte haben sowohl für das Komponieren als auch die musikalische Analyse drei Formfunktionen eine besondere Bedeutung erlangt: Die Formfunktionen Anfang, Mitte und Ende. Die folgende Tabelle zeigt, mit welchen Begriffen diese Formfunktion zu verschiedenen Zeiten bezeichnet worden sind:


Autor Anfang Mitte Ende
J. Burmeister (1606) Exordium Ipsum corpus carminis Fines
J. E. Eberlin (1760) Exordium Subjectis intermediis Final
W. Fischer (1915) Vordersatz Fortspinnung Epilog
W. E. Caplin (1997) presentation continuation cadential

Vergegenwärtigt man sich, dass jede Komposition irgend einen Anfang und ein Ende hat, die durch eine Mitte verbunden sind, dürfte das Interesse an gerade diesen Begriffen unmittelbar einleuchtend sein. Auch auf der Ebene von Taktgruppen zeigt die Erfahrung, dass sich diese meist in einen Anfang, ein Ende sowie eine Verbindung (zum Beispiel eine Modulation) gliedern lassen. Ein Verständnis dieser drei Formfunktionen ist dabei so weit verbreitet, dass V. Kofi Agawu für die klassische Musik von einem Beginning-Middle-End Paradigm[2] gesprochen hat.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Gattungsspezifische Formfunktionen

Insbesondere für die Gattungen Sonate und Sinfonie haben sich einige Formfunktionen etabliert:

  1. Exposition
    1. Hauptsatz
    2. Überleitung
    3. Seitensatz
    4. Schlussgruppe
  2. Durchführung
  3. Reprise
    1. Hauptsatz
    2. Überleitung
    3. Seitensatz
    4. Schlussgruppe

Die Begriffe sind so gebräuchlich und machen leicht vergessen, dass es sich um Formfunktionsbegriffe handelt. Und wie oben ausgeführt kann man Sie rein extrinsisch verstehen − die Überleitung würde dann die Funktion einer Taktgruppe bezeichnen, die den Hauptsatz mit dem Seitensatz verbindet − und auch intrinsisch definieren und damit eine für diese Formfunktion charakteristische Harmonik bezeichnen (vg. hierzu das Datenbank-Projekt zur Überleitung).

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Formfunktionen im Kleinen

Aber auch in der Beschreibung von Formen im Kleinen verwenden wir Begriffe, die sich als Formfunktionsbegriffe verstehen lassen, zum Beispiel für die Periode die Begriffe

  • Vordersatz
  • Nachsatz

oder für den Fortspinnungstypus die Begriffe

  • Vordersatz
  • Fortspinnung
  • Epilog.

Sollen die Begriffe extrinsisch verwendet werden, ist es jedoch notwendig, auf konkrete Eigenschaften zu verzichten. Für den Vordersatz einer Periode zum Beispiel dürfte man nicht definieren, dass er mit einem Halbschluss enden müsse. Statt dessen könnte man auf einen relationalen Begriff zurückgreifen und sagen, dass der Vordersatz gegenüber den Nachsatz eine öffnende Wirkung entfalten muss. Diese lässt sich nämlich auf verschiedene (funktional äquivalente) Weisen realisieren (z.B. durch eine Tonika mit öffnender Terzlage, eine metrische schwache Position einer Dominante usw.).

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Nachweise und Literatur

  1. [1]
    Vgl. hierzu Niklas Luhmann, »Funktion und Kausalität«, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 14 (1962), S. 617−644, Wiederabdruck in: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Wiesbaden 2009, S. 11−37, hier S. 17−18.
  2. [2]
    V. Kofi Agawu, Playing with Signs. A semiotic Interpretation of Classical Music, Princeton 1991, S. 51 ff. (Chapter 3).